Gut gegen Nordwind (Daniel Glattauer)

Veröffentlicht 26. Oktober 2014 von erlesenebuecher

E-Mail, Wein & Sprachpsychologie

Appetithäppchen: Emmi Rothner möchte per Email ihr Abo der Zeitschrift „Like“ kündigen, doch durch einen Tippfehler landen ihre Nachrichten bei Leo Leike. Als Emmi wieder und wieder Emails an die falsche Adresse schickt, klärt Leo sie über den Fehler auf. Es beginnt ein außergewöhnlicher Briefwechsel, wie man ihn nur mit einem Unbekannten führen kann. Auf einem schmalen Grat zwischen totaler Fremdheit und unverbindlicher Intimität kommen sich die beiden immer näher – bis sie sich der unausweichlichen Frage stellen müssen: Werden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung standhalten? Und was, wenn ja?

Verfasser: Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, seit 1985 als Journalist und Autor tätig, seit 1989 für die Tageszeitung Der Standard. Bekannt wurde Glattauer vor allem durch seine Kolumnen, die im so genannten Einserkastl auf dem Titelblatt des Standard erscheinen und in denen er sich humorvoll Alltäglichem annimmt.

[Wilhelm Goldmann Verlag (2008)]

Meine Meinung: Auf der Rückseite meiner Ausgabe steht: „… einer der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur…“ (Volker Hage, Der Spiegel). Während des Lesens dachte ich auch oft, oh ja, das ist ein schöner Liebesroman. Gerade diese sukzessive Annäherung der beiden Protagonisten allein durch ihren E-Mail-Verkehr ist so intelligent und eben klug angelegt. Das Buch geht nicht nur ins Herz, nein es regt auch den Verstand und Intellekt an und weiß diese zu befriedigen. Man ist völlig erfüllt von der Anziehungskraft, dem ehrlichen Interesse und der Abhängigkeit der Beiden. Ich konnte das alles so gut verstehen und nachvollziehen. Stellenweise habe ich wirklich mitgefiebert, mitgelitten und mitgeschwärmt.

Dann aber wiederum kommen wir zu dem Wort „zauberhaftesten“ auf meiner Buchrückseite. Ein zauberhafter Liebesdialog! Natürlich ist der Zauber zwischen Emmi und Leo deutlich zu spüren und nimmt einen gefangen. Aber für mich ist das Buch, nachdem ich es gelesen habe, nicht vordergründig ein zauberhafter Liebesdialog, sondern ein tragisches Drama (Pleonasmus?). Es lässt mich am Ende leer und leicht verzweifelt zurück. Das Ganze, was sich über so viele Nachrichten aufgebaut und in Emmis und Leos Köpfen oder besser Herzen festgesetzt hat, ist nur ein Traum, ein Wunschdenken. Niemals wird das der Realität standhalten. Natürlich wünscht sich das das romantische Herz, aber der Realist, der das Leben kennt, weiß, dass alle Parteien am Ende nur leiden, vor allem Emmi. Sie ist völlig zerrissen und hat mein gesamtes Mitleid. Bernhard bekommt für den Leser am Ende ein Gesicht und ab dem Zeitpunkt kann es kein zauberhafter Liebesdialog mehr sein!

Auch wenn das Buch mich insgesamt alles andere als verzaubert hat, sondern eher entzaubert, ist es geniales Buch, das einen fasziniert, beschäftigt und tief bewegt. Man schlägt es zu und eigentlich fängt das Gelesene erst dann im Hirn und Herzen richtig an zu arbeiten. Das macht ein wirklich gutes Buch aus!

Leider habe ich schon mitbekommen, dass es eine Fortsetzung gibt. Schade! Ich finde das Ende, so wie es ist, gut. (Aber natürlich siegt meine Neugier, so dass ich wohl weiterlesen werde, irgendwann mal…)

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Hier geht es zum 2. Teil

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