Roman eines Schicksallosen (Imre Kertész)

Veröffentlicht 27. Juli 2015 von erlesenebuecher

Anstand, Phlegmone & 64921

Appetithäppchen: Imre Kertész ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in seiner Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird.

Verfasser: Am 9. November 1929 in Budapest geboren, wurde Imre Kertész 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende folgte die journalistische Tätigkeit bei der Tageszeitung „Világosság“, die bald umbenannt und zum Parteiorgan der Kommunisten wurde. Nach seiner Entlassung bestritt Kertész seit 1953 seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller und schrieb Musicals und Unterhaltungsstücke für das Theater. Im Jahr 2002 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

[Rowohlt Taschenbuch Verlag (1996)]

Meine Meinung: Ein bewegendes Buch, welches mich zu Beginn ratlos machte. Ich fand den Einstieg sehr schwierig. Ich habe dann von einem Vergleich des Buches mit Kafkas „Der Prozess“ gelesen und dachte, daran könnte es ja liegen. Kafka ist so gar nicht meins.

Es ist für mich anfangs zu nüchtern gewesen, aber wahrscheinlich kann man nur mit einem gewissen Abstand über diese Geschehnisse schreiben. Den mehrtägigen Eisenbahntransport nach Auschwitz ohne Essen, Trinken und Informationen wird schlicht als unangenehm bezeichnen. Das kann man nicht nachvollziehen bzw. nachempfinden, soll und kann man ja auch gar nicht und das gilt vielleicht als Schlussfolgerung für das gesamte Buch: Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht verstehen.

Allerdings wurde mir auch bewusst, dass es auch auf die Lebenssituation ankommt, in der sich die Deportierten befanden: Der Protagonist war ein ungebundener Jugendlicher, der mit Arbeitskollegen unterwegs war und kaum familiäre Bindungen hatte. Das ist was anderes, als wenn man von einer Mutter mit Kindern o.ä. liest.

Besonders seltsam erschien mir sein anfängliches Bild von Anstand, so beschreibt der Protagonist, dass die Arbeitskollegen anständig waren, da sie nicht geflohen sind, sondern sich an die Regeln und Befehle gehalten haben… Lässt mich ratlos zurück.

Aber der Autor versucht Erklärungen zu finden bzw. die Zeit seiner Inhaftierung darzustellen. Er erzählt von Stufen, einzelnen Erfahrungen, die man durchläuft, und dass man von der Hölle der Konzentrationslager vielleicht im Ganzen sprechen kann, er es aber eben Schritt für Schritt erlebt hat und bei jedem Schritt ging es nur ums Überleben. Es gab für ihn auch eine Art Glücksgefühl im Lager, wenn er plötzlich eine bessere Behandlung als üblich erfahren hat. Ganz am Ende bleibt bei ihm sogar ein Stück weit Heimweh und er spricht vom Glück der Konzentrationslager.

Es ist eben ein ganz anderes Buch, als man denkt und kennt, am Anfang dachte ich, unerhört, aber dann kam auch Faszination. Er deutet wenig und belässt das Urteil dem Leser.

Man hat dort mit richtig hartem Tobak zu tun, wenn er von seinen Verletzungen und dem Aufenhalt im Lagerkrankenhaus berichtet (z.B. S. 202). Er war vorher ganz unten, gehörte zu den Muselmännern, wurde für tot gehalten und mit Leichen weggekarrt, aber dann kam noch einmal der Lebenswille.

Bewertung: 4,5 von 5 Punkten

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