Im Land des Flüsterns (Barbara Demick)

Veröffentlicht 30. Januar 2016 von erlesenebuecher

Wanderschwalben, Hunger & Dunkelheit

Appetithäppchen: Seit den massiven Kriegsdrohungen Nordkoreas im Frühjahr 2013 steht das streng abgeschottete Land im Fokus des internationalen Interesses. Die Ostasien-Korrespondentin der Los Angeles Times, Barbara Demick, ist eine exzellente Kennerin der Verhältnisse in der didaktorisch regierten Volksrepublik. In ihrem mit dem Human Rights Book Award ausgezeichneten Buch liefert sie tiefe und verstörende Einblicke in das Alltagsleben Nordkoreas und zeigt uns eine ferne, sehr fremde Welt.

Verfasserin: Barbara Demick war als Korrespondentin des „Philadelphia Enquirer“ ab 1986 vor allem in Osteuropa und im Nahen Osten tätig. Seit 2001 berichtet sie für die „Los Angeles Times“ aus Ostasien; derzeit ist sie in Peking akkreditiert. Für ihre Berichterstattung aus dem belagerten Sarajevo ist sie mit dem Robert F. Kennedy Award ausgezeichnet und für den Pulitzer-Preis nominiert worden. Das daraus entstandene Buch „Die Rosen von Sarajevo“ ist bei Droemer erschinenen. Das vorliegende Buch wurde mit dem Human Rights Book Award ausgezeichnet.

[Droemer Verlag (2013)]

Meine Meinung: Es ist unglaublich, dass es dieses Land zur heutigen Zeit noch so gibt, wie es ist. Was dieses peinlich, veraltete, tyrannische Regime der Bevölkerung antut, kann man kaum glauben. Und viele Länder gucken tatenlos zu, da sie nur wirtschaftliche Interessen verfolgen. Aber das ist ja nichts Neues.

Nachdem ich „Flucht aus Lager 14„, in dem es vor allem um die Gefangenenlager in Nordkorea geht, gelesen habe, wollte ich unbedingt mehr aus dem Alltag in diesem furchtbaren Land wissen. Genau das konnte mir Barbara Demick nun mit ihrem Buch liefern. Sie erzählt verschiedene Geschichten aus dem Alltag. Dazu hat sie viele Flüchtlinge aus Nordkorea, die in China oder Südkorea leben, interviewt. Vor allem geht es um das Leben von sechs ganz unterschiedlichen Menschen, die bereit waren ausgiebig zu erzählen. Demick selbst war auch viele Male in Nordkorea und hat sich ebenfalls ein Bild machen können.

Man erfährt Unglaubliches und sehr oft musste ich immer wieder auf die Jahreszahlen gucken, von wann diese Berichte sind, da es sich wie das vorvorherige Jahrhundert anhörte und nicht wie die 90er oder Anfang 2000. Schon allein wie man in diesem Land gereist ist, was das für Verhältnisse sind. Ganz zu schweigen von der Kommunikation in den 90ern. Post kam im Winter eigentlich nie an, da die Beamten die Briefe verheizt haben, um nicht zu erfrieren. Im Sommer dauerte ein Brief manchmal Monate für z.B. eine Strecke von 150 km.

Aber das sind ja nur die Dinge, die am Rande geschildert wurden. Vor allem war natürlich die großen Hungersnöte in den 90ern prägend. Es sind Millionen Menschen einfach verhungert, da die Regierung, die sich doch als großer Wohltäter aufspielte, nicht wirtschaften konnte bzw. wollte, da alles in die eigenen Taschen floß, wie z.B. auch die vielen Nahrungslieferungen der Westländer. Es war ein völlig natürliches Straßenbild, abgehungerte, bettelnde Kinder zu sehen, auch wenn Leichen am Wegesrand lagen, überraschte es keinen.

Erschreckend ist auch, wie dieses Land in den Flüchtlingen nachwirkt. So könnte man denken, es gibt ja für jeden der Interviewten ein Happy End, da sie am Ende in Südkorea oder China leben. Auf jeden Fall haben sie dort genug zu Essen, das ist ein Fortschritt. Aber sie leben alle mit großen Schuldgefühlen, sei es weil sie einige Dinge tun mussten bzw. unterlassen haben, um selbst zu überleben, oder weil ihre Angehörigen vermutlich tot sind, da sie geflüchtet sind.

Das Buch lässt einen traurig, leer zurück. Aber es ist so wichtig, dass die Welt nicht mehr die Augen verschließt. Ich finde es schon richtig, dass die Welt sich über Kim Jong Un lustig macht, da er wirklich eine Witzfigur ist. Aber man darf nicht vergessen, dass dort Millionen von Menschen unter seiner Willkür leiden!

Bewertung: 4,5 von 5 Punkten

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