Die Mittagsfrau (Julia Franck)

Veröffentlicht 13. August 2016 von erlesenebuecher

Krankenschwester, Fisch & Flederwische

Appetithäppchen: 1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder…

Verfasserin: Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. 1997 erschien ihr Debüt „Der neue Koch“, danach „Liebediener“ (1999), „Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen“ (2000) und „Lagerfeuer“ (2003). Sie verbrachte das Jahr 2005 in der Villa Massimo in Rom. Für „Die Mittagsfrau“ erhielt Julia Franck den Deutschen Buchpreis 2007. Der Roman wurde in 33 Sprachen übersetzt.

[S. Fischer Verlag (2009)]

Meine Meinung: Das Buch fängt herzzerreißend an. Eine Mutter verlässt ihren siebenjährigen Sohn. Dieser sitzt stundenlang voller Vertrauen am Bahnhof. Die Mutter muss ja wiederkommen…

Ich hätte an dieser Stelle am liebsten schon nicht mehr weitergelesen, aber der Mensch glaubt ja an ein Happy End. Tja, auf den nächsten 400 Seiten wird die Lebensgeschichte der Mutter, Helene, aufgeführt. Soll dadurch Verständnis des Lesers für das Handeln der Mutter aufgebracht werden? Hat bei mir nicht geklappt.

Ich finde das Handeln der Protagonistin ihrem Sohn gegenüber grauenhaft. Und dadurch, dass das Buch damit beginnt, hatte ich es ständig im Hinterkopf. Ist das Buch deshalb schlecht? Schwer zu sagen. Eigentlich nicht. Schon oft habe ich Bücher gelesen, bei denen ich die Taten der Protagonisten verurteilte. Aber die Story übte dadurch teilweise eine Faszination auf mich aus oder sie bewirkte auf irgendeine Art Verständnis. Aber hier? Ich weiß nicht. Ist Helene ein Opfer der Zeit bzw. der Umstände? Klar, war das nicht leicht und für unsereins nicht nachvollziehbar. Aber das Verhalten als Mutter kann nicht komplett durch die Umstände entschuldigt werden. Da gibt es zum Glück ganz andere Berichte.

Ist mir das Buch also zu ehrlich? Gibt es das überhaupt? Darf oder muss es nicht sogar so sein? Vielleicht. Aber dann kann ich ja auch sagen, dass mir die Protagonistin das Buch vermiest hat. Mir fehlte komplett ihre liebevolle Seite. Sie ist zwar für andere da in ihrem Beruf als Krankenschwester, aber nicht für ihren Sohn? Seltsam. Fremd. Mag ich nicht.

Allerdings hat das Buch noch andere Sequenzen, die ebenfalls fragwürdig aber unterhaltsam sind. Helenes Mutter ist wirr und krank, man staunt mit offenem Mund beim Lesen. Die Liebe zwischen den Schwestern wirkte auf mich etwas konstruiert, leicht sensationsgierig.

Längen hatte das Buch in meinen Augen beim Auffenthalt bei Tante Fanny. Da zog es sich und der geschichtliche Kontext kam mir zu kurz.

Leider habe ich auch die Beziehung zu Carl nicht ganz verstanden. Erst will Helene diese nicht so richtig ernst nehmen/machen, aber als er tot ist, kann sie es nicht überwinden.

Natürlich ist das Buch insgesamt schon ein Werk, welches gelesen werden sollte. Der Schreibstil ist gut, etwas nüchtern. Und gerade die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist für Frauen hart und nur die mutigsten, tapfersten und tüchtigsten konnten diese überstehen.

Bewertung: 3,5 von 5 Punkten

 

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